"Autopsia II."
Vernissage 28. April 09. 19.00 Uhr
Franzensg. 1 1050 Wien
Die Kunst des Tihomir Pajtasev
„Das Bürgertum fordert eine der Wirklichkeit zunehmend entfremdete Dichtung.
Der Dichter der das Brot, Brot und den Wein zu nennen weiß, ist dem sterbenden Kapitalismus gefährlich.
Es gefällt besser, wenn der Dichter sich für einen kleinen Gott hält. Diese Überzeugung oder Haltung stört die herrschende Klasse nicht.
Der Dichter verharrt somit in Ergriffenheit über seine göttliche Isolierung und ist so als brauchbarer Trottel unschädlich gemacht.“
(Pablo Neruda)
Die als Kontinuum Seines Schaffens zu verstehende Intention des Künstlers Tihomir Pajtasev objektivierbare kausale Zusammenhänge gesellschaftlich
#immanenter Wesenszüge und Befindlichkeiten abseits parteipolitisch sanktionierter Feigenblattstaatskunst und konsequenterweise in weiterer Folge
wider die banale Übersichtlichkeit eines gettoisierten auf den „Kunstmarkt“ schielenden Akademiebetriebes zu thematisieren, eröffnen,
vor der Folie des kosmopolitischen Hintergrundes des Künstlers und die damit einhergehenden Fähigkeiten des höchst polyglotten Menschen
Tihomir Pajtasev auch die Grammatik der mannigfaltigen Formensprachen der Kunst zu einer Art Selbstverständnis werden zu lassen,
den zur Kritik, sowie auch zur Selbstkritik fähigen Kunst- Rezipienten einen von freier Themata- und Medienwahl bestimmten Raum gelebter interdisziplinärer Befasstheit.
Textbild
Bedingt durch die ins Treffen geführte Multilingualität des Künstlers und die damit einhergehende Auseinandersetzung
mit dem Trennenden und Verbindenden des gesprochenen und geschriebenen Wortes, sowie der Funktion von Sprache als Kulturtechnik an sich,
bekommt das „Textbild“, als Auflösung aller künstlerischen Gattungsgrenzen zugunsten einer einander bedingenden Durchdringung
von Literatur und Abbild und als Form einer neuen Ausdruckspotenz, neben und in Verbindung mit der auf eigenen Gesetzmäßigkeiten
der Ästhetik passierenden Photographie, eine gemäß den Ansprüchen der Kunst gehorchenden zentrale Wichtigkeit und unmissverständliche Aussagekraft.
(Das Ziel ist das Werk, das trotz der unvermeidlichen Dissonanzen zur Erfahrungswelt und zum Gedanken – nicht falsch verstanden werden kann)
Tihomir Pajtasev: Read against the „Gross syndrom“
Die abgebildete Realität, die in einer Selbstdarstellung den Künstler, trotz Verfremdung als beinahe unbeschwerten Tänzer erkennen lässt,
bekommt erst durch den kontextgebenden Titel, also durch die Verbindung von Wort und Bild, wodurch die Bildrealität der bloßen Abbildfunktion enthoben,
eine mehr als beklemmende Wendung. Demnach wird die kollektive Realitätsflucht der postnationalsozialistischen Österreichischen Gesellschaft,
die sich ob der politischen Gegebenheiten der unmittelbaren Nachkriegszeit sehr bequem in der Opfer-Lebenslügen einzurichten wusste, (Moskauer Abkommen 1943 ...),
von Tihomir Pajtasev nicht als Verdrängung, also als eine gelungene Massenselbstpathologisierung, sondern im Sinne der Soziologie als Syndrom
(eine Gruppe von Merkmalen oder Faktoren, deren gemeinsames Auftreten einen bestimmten Zusammenhang oder Zustand anzeigt) einer fortgeschriebenen Normalität verstanden.
Der Name Gross steht stellvertretend für ungezählte Österreicherinnen und Österreicher,
die gläubig Ihrem Führer Adolf Hitler folgend, oder aus anderen niederen Motiven, Verbrechen ohne Beispiel begingen,
wobei es festzuhalten gilt, dass selbst die braune Barbarei nicht dazu in der Lage war, die Fähigkeit in der Bevölkerung
selbst zu sehen und zu erkennen auszulöschen. Die klare Sicht auf die staatlich eingeforderte Entmenschung und Verrohung der
Gesellschaft und die damit einhergehende Bereitschaft Widerstand zu leisten, mussten allzu viele Österreicher mit dem Leben bezahlen.
Tihomir Pajtasev: Dance against the „Gross syndrom“
Der österreichische Arzt Gross trat 1932 der Hitlerjugend bei, 1933 der SA und war ab 1938 Mitglied der NSDAP.
Nach dem Medizinstudium wurde er 1940 als Anstaltsarzt in der Pflegeanstalt Ybbs/Donau beschäftigt und kam danach im November
des selben Jahres an die Nazi „Euthanasie“ Klinik am Wiener Spiegelgrund (Heute Otto Wagner Spital).
Strafrechtlich wurde Gross für seine Taten nicht zur Verantwortung gezogen, auch wenn das Oberlandesgericht Wien 1981 bei einem von Dr. Gross
selbst angestrengten Verleumdungsprozess gegen einen jungen Kollegen seine „Beihilfe“ bei der Tötungen von behinderte Kinder 1944 als erwiesen ansah. (...)
Bereits 1950 wurde Gross wegen Beihilfe zum Todschlag an einem Kind zu 2 Jahren Haft verurteilt. 1951 wurde das Urteil wieder aufgehoben und das Verfahren eingestellt.
(...) Gross, nun SPÖ- Mitglied, kam als Beschäftigter bei der Stadt Wien unter (...)
und wurde in weiterer Folge für seine Forschung an Kinderhirnen, die zum größten Teil von ermordeten Kindern aus der Nazizeit stammten,
mit dem Theodor Körner Preis und mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet. (2003 vom Ministerrat wieder aberkannt) (...)
„Es gibt keinen unschuldigen Blick – nicht auf die Wirklichkeit und schon gar nicht auf die Kunst!“
(Ernst Gombrich)
Text und einführende Worte:
Werner Maria Klein
"Judith Rohrmoser "
Die mit starkem Sendungsbewusstsein beseelte Kunststudentin, gibt sich mit der Rolle einer indifferenten Beobachterin gesellschaftlicher Zusammenhänge nicht zufrieden, sondern stellt Ihre eigene subjektive Wahrnehmung und einen beinahe schonungslosen Umgang mit ihrer Körperlichkeit ins Zentrum Ihrer vom Feminismus geleiteten Ideen. Dieses Vorgehen manifestiert sich mitunter in einer Serie von schrillen Selbstporträts, die als neoexpressive Spraybilder auf die gesellschaftlich sanktionierte Ungleichbehandelung von Mann und Frau hinzuweisen suchen.
Die längst expandierende graffitihafte Spraymalerei, die in der Subkultur New Yorks der 1970er Jahre ihre Basis hat und mittlerweile alle immanenten Wesenszüge einer Massenästhetik erfüllt, dient der Malerin als Informationsträger Ihrer künstlerischen Anliegen, die auch von Bildungsfernen Schichten, die für gewöhnlich über keinen Zugang zu Informationen verfügen, dechiffriert werden können, auch wenn in der Vereinfachten Form die Gefahr einer monokausalen Betrachtung komplexer Zusammenhänge verborgen ist.
"Miriam Schweiger"
Gleich einer Idee des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die als sogenannter Symbolismus der Verherrlichung
der bildgewordenen Realität einer scheinbar für immer zu Ende gedachten technisierten Patriarchats-Industriegesellschaft
eine künstlerische Absage erteilte, versucht Mirjam Schweiger in neoexpressiver Bildfindung graffitihafter Spraybilder,
also in einer Formensprache von subkulturellen Gruppen die außerhalb der etablierten Bildungsschicht stehen und von dieser
mitunter auch tabuiert werden, die allzu oft auf Posen sexistischer Phantasien reduzierte stereotype Darstellung des weiblichen Körpers,
die jedoch von Männern wie auch Frauen beinahe gleichermaßen aus den unterschiedlichsten Motiven bedient werden, zu thematisieren.
Mirjam Schweiger überträgt diese ursprünglich in Amerika als „Straßenkunst“ (...)
verstandene karikaturähnliche Figurationen, einst maßgeblich von puertoricanischer „Volkskunst“ beeinflusst,
auf Leinwände, beziehungsweise ob des ästhetischen Eigenwertes auf Glas, um in der medialen Tradition des historischen
Tafelbildes die ebenso tradierte Diskriminierung der Frau in den unterschiedlichsten kulturell chiffrierten Verbrämungen,
sowie in offensichtlichen vulgären „Spielarten“ (Comicartige Serienbilder) in einer unwiderstehlichen und beklemmenden Deutlichkeit ins Treffen zu führen.
"Love Your Neighbour"
Autopsia
Eröffnung / Opening reception
Mittwoch, 25. Juni 2008, 19:30
Uhr
Mistress of ceremonies : Esther Attar-Machanek
Einleitende Worte Lucas Gehrmann
Lesung - Marius Gabriel
Musikalische Begleitung - Otto Lechner
Tihos Tools
Gallery - Franzensgasse 1, 1050 Wien
Ausstellungsdauer /
Exhibition : 26. 6. / 16. 9. 2008
Appointment
by call
Mobile: +43 (0)650 700 59 79
E-Mail: nomadance@yahoo.de
Autopsia I (Lucas Gehrmann)
Autopsia/Autopsie - von griechisch αυτο = selbst und όψη = die Betrachtung, der Blick, das Sehen - bezeichnet im Allgemeinen die genaue Untersuchung eines Gegenstandes oder Themas und steht im philosophischen Sinn für Selbstbeobachtung, eigenes Sehen und Wahrnehmen im Gegensatz zu den Berichten anderer.
Autopsia I als Titel einer Ausstellung von drei zeitgenössischen, künstlerischen Positionen steht am Beginn einer „in progress"- Reihe mehrerer Veranstaltungen der Independent Gallery Tiho's Tools.
"Autopsia vollzieht einen präzisen Schnitt in die präsentable Maske der Gesellschaft
und untersucht die zugrundeliegende Mentalität als Antriebswelle vielschichtiger Mechanismen und Agitationsmuster. Autopsia geht aber nicht bei den Opfern auf Spuren und Indiziensuche nach Taten und Tätern. Hayat (2008) - Autopsia installation - 3 beleuchtete K�sten - 100 x 50 x 40 cm digitaler Ausdruck auf Plexiglas Holzkisten, Neonbeleuchtung Yves hayat „klinisch tote Körper“ entstammen Darstellungen des toten Christus der altniederländischen
und der italienischen Renaissancemalerei, hier reduziert auf eingezwängte Torsi, übersät mit Wunden des „militärisch-politisch-ökonomischen Komplexes“
(Robert Adrian X) unserer Tage: Satellitenbilder von Kriegsgebieten mit Markierungen von Raketeneinschlägen überlagern den Korpus und transformieren
ihn zu einem schwer gezeichneten „Gesicht der Erde“. Bewusst verwendet Yves Hayat Christus-Darstellungen alter Meister des 15. und 16. Jahrhunderts,
sind deren Gesichter doch frei von Expressivität und Emotionen, bringen mit ihrer Absenz „den Zustand des überschrittenen Traumas zum Ausdruck
und gehen in die indifferente Haltung des Opfers über.“ Insbesondere dann, wenn der Künstler seine zweischichtigen, auf Aquarellpapier
gedruckten Bilder in hölzerne Leuchtkästen montiert, die am Boden liegen wie offene Sarkophage, lassen sich die Satellitenbilder sowohl
als Haut-Oberflächen lesen als auch als Röntgenbildartige Einblicke in den Korpus – die Todesursache wird in beiden Fällen transparent.
Nicht „transparent“ im Sinne von allgemein zugänglich sind die Luftaufnahmen der Kriegsgebiete: als militärische Landkarten zeigen sie jene Punkte,
auf die Raketen- und Bombenangriffe gemacht werden sollen (oder „Treffer“ eingetragen wurden). Nicht selten liegen diese „Attacks“ inmitten bewohnter
Gebiete und konterkarieren damit jene Bilder, die uns seit dem Zweiten Golfkrieg von CNN gezeigt wurden, um einen „fairen“ Krieg zu propagieren,
der sich mittels Fernlenkwaffen ausschließlich gegen militärische Ziele richte. Und für den Fall unerwünschter Nebenwirkungen hatte man auch gleich ein
geflügeltes Wort parat: „collateral damage“. Yves Hayat - Radiographie 7 „Wer ist die Gesellschaft? Ist es nicht der einzelne Mensch, der ausbrechen will oder nicht, der sich bewusst werden will oder nicht?“ Tihomir Pajtasev geht es „um den Individuationsprozess, um die Inspiration zu einem eigenständigen Weg bis zu dem innersten Wissen, dem wahrscheinlich einzigen Weg zur Ethik, jenseits der politischen Slogans, jenseits der geschichtlich bedingten Mentalität und der Emotions-Gedankenmuster.“ Tihomir Pajtasev Photo auf Aluminium 60 x 90 cm Max Böhme Konstante Themen der Arbeiten Max Böhmes waren immer schon „Metamorphose und Auflösung der Körperlichkeit“, wie Robert Fleck einmal schrieb. Bis etwa 1998 verwendete er auf Leinwand abgezogene Fotografien von rohem sezierten (Hühner-)Fleisch, die er mit diversen Malmitteln, darunter auch Make-up, retuschierte bzw. überarbeitete. „Leblos Reales in ein fotografisches Bild zu bannen, um dieses Bild bzw. sein Motiv als Malgrund zu nutzen und in ein Szenario scheinbar pulsierender und einander hervor treibender Fragmente des Leiblichen und Körperhaften gleichsam zurückzumalen – diese Regie der Verwandlung bildet die Rahmenhandlung für die neueren Bilder Max Böhmes“, schreibt Rainer Fuchs 1997. Neben der Assoziierbarkeit seiner aus Fleischlichem generierten Formationen mit Körperhaftem bietet sich schon in einigen frühen Arbeiten auch die Assoziation mit wolkenartigen Gebilden an. So lässt sich z.B. das in der Ausstellung gezeigte, in verhaltener Grisaille -Tönung gehaltene Bild „o.T.“ von 1991 als Himmelszenario ebenso lesen wie als ein vom Kerzenruß der Jahrhunderte patiniertes und sich damit der Erkennbarkeit Unwissender entzogenes Altarblatt oder Deckengemälde … „Der Künstler spielt mit uns, indem er Vorstellungen aus der gegenständlichen Welt in unserer Fantasie auslöst und auch gleich wieder zum Zusammenbruch bringt“, schreibt Martin Prinzhorn in einem jüngeren Katalogtext zu Max Böhme. Und: „Das Erlebnis stellt sich in gewisser Weise als ein umgekehrtes im Vergleich zum Betrachten eines Barockbildes dar: Es sind keine Figuren vorhanden, die sich durch die malerischen Mittel auflösen könnten, sondern die malerischen Mittel sind es, die den Wunsch nach der Rekonstruktion von Figuren auslösen.“ „Wenn ich nur einen Augenblick alles, was ich mit Recht oder Unrecht annehme zu wissen, lassen kann, und diesen Augenblick vertiefe,
merke ich mit ein bisschen Glück, dass dahinter ein Geheimnis ist. Ich passiere das Tor zu einer Welt, die keine Uhrzeit kennt, keinen Eifer, keine Angst,
kein Urteil, keinen Hass und keine Grenzen. Und wenn ich auch aus dieser Erfahrung auf die andere Seite des Tores zurückkehre, erinnere ich mich trotzdem,
dass ich ein Teil von etwas bin, das nicht auf die Erdenzeit begrenzt ist.“ Lucas Gehrmann
Abgesehen davon stellt sie die Frage nach dem Mut des Künstlers, auf das diplomatische Augenverschließen zu verzichten,
wenn dies auch aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, sowie aus automatisiertem Bestreben, dem Diktat des Zeitgeistes zu entsprechen, geschieht.
Dürfen Tabuthemen, wie zum Beispiel die Praxis des fortwährenden Aufblähens der Nationalismen,
die Praxis der ebenso fortwährenden Etablierung der intriganten Hierarchien im Stile der absolutistischen Metternichfreaks,
die, je nach dem wer sie gegen wen zum Beißen schickte, sich in Gnade oder Willkür, Diffamierung oder Vergiftung übten,
und die Praxis der doppelmoralischen Motivation zum Protegieren oder Ausgrenzen im künstlerischen Kontext sichtbar gemacht werden
als erbärmliche Substitute für den lebendigen Zustand der einfachen und beglückenden Erfahrung des per se genialen Herzensgeistes
und seiner Kreation?
Meiner Ansicht nach ist es nicht nur legitim, sondern auch hochabenteuerlich und notwendig, die weltoffenen,
demokratischen und friedlichen Strömungen in der Gesellschaft durch Kunst um eine weitere Nuance
in ihrem Bewußtsein gegenüber den restriktiven, machtorientierten Lobbies , egal mit welcher schminkfarbe ausgestattet, zu stärken."
(Tihomir Pajtasev)
Autopsia geht vielmehr davon aus, dass die „Leiche" innerhalb der Gesellschaftsstruktur zu orten ist als ein in sie eingebettetes
virusartiges Gebilde, das diese und andere Mechanismen jenseits von Menschenrechtsdeklarationen, Demokratiebewusstsein und Ethik
ermöglicht: ein geistig totes, seines Bewusstseins beraubtes oder sich dieses selbst beraubendes Un-Wesen.
„Die Idee eines klinisch toten Körpers. Der Kommunikationscode derartiger Gebilde besteht aus dem Muster ‚Vereisung'
des Wesens und seiner spezifischen Geistigkeit im Inneren und der Imagepolitur mit Bon ton und strategischer Bildung nach außen."
„Wenn nur die Lüge uns retten kann, so ist es aus, so sind wir verloren“,
schrieb bereits 1761 Jean-Jacques Rousseau. Die Lüge ist längst alltägliche Praxis, in der Politik,
in der Medienberichterstattung, in der Werbung … last not least in virtuellen Räumen,
in denen wir unsere Identitäten wechseln wir dereinst die Hemden. Die Lüge – ein gesellschaftsfähiges Spiel?
Ein Spiel hat Regeln, und diese sind den Spielenden bekannt. Ob, wann, wo und von wem gelogen wird, wissen wir aber nicht.
Pro forma gilt noch immer das Wahrheitsgebot, auch wenn realiter längst ein Gebot der Lüge, Täuschung, Simulation, Irritation …
angesagt wäre, um zu lernen, mit diesen Praktiken umgehen zu können, sie zu erkennen. Noch ist es neben der Philosophie allein die Kunst,
die uns Hinweise gibt über das Missverhältnis zwischen dem, was wir glauben und dem, was (vielleicht) ist. Yves Hayat zählt zu jenen Künstlern,
die uns die Augen zu öffnen helfen, indem er mehrere „Wirklichkeiten“ zusammenbringt, sich dabei jener Medien und Technologien bedient,
die wir alle selbst auch kennen und zum Teil benützen – und damit die Manipulierbarkeit des so genannten Realen, Wahren, Authentischen …
vorführt: „I admit that I’m less interested in recording reality than in manipulating it to create ‘imaginary’ images.
I’m a total visual consumer: I film, download, scan, retouch … directing my own reality. Playing with superpositions, shifts and misappropriations,
I confront past and present, beauty and horror, indifference and fanaticism. Questioning the relationships between art / politics / mass media,
I try to conceive a critical work in which my attraction for the culture of the media, cinema and advertising shows through.
Thanks to modern techniques (Internet, digital processing, printing on acrylic glass …), I try to present a report of our time and what our society has generated,
transformed and destroyed … I believe that when a work of art is confronting us to our world,
it’s purpose is not only to make us question ourselves but also to induce a smile or create unrest – only then does it escape the common place.”
Tihomir Pajtasev arbeitet als bildender Künstler (Fotograf, Maler), als Autor,
Tänzer und Bewegungstherapeut auf mehreren Ebenen an der Überwindung festgefahrener mentaler und emotioneller Muster,
wie sie in unserer Zivilisation viele Verhaltensformen prägen – dominiert von unserem „mehr oder weniger gebildeten …
pragmatischen Intellekt, der uns sichere Orientierung, Recht auf Urteil, ein sauber gerahmtes Weltbild und Erfolg für die Zeit des Erdendaseins verspricht.“
Seine in Autopsia I gezeigten fotografischen Arbeiten basieren – im Gegensatz zu denen von Yves Hayat – auf rein „analogen“ Mitteln:
computerunterstützte Nachbearbeitung ist höchstens auf die Farbgebung beschränkt.
Die bis zur Abstraktion reichende Verfremdung seiner mit einer alten Leika aufgenommenen Akte entsteht durch Brechungen und Spiegelungen mittels Glasplatten,
die er zwischen Kamera und Objekt positioniert, oder durch nächtliche Unterwasseraufnahmen mit Licht – und damit eine, wie Wolfgang Pauser schrieb,
„licht-technische Aufklärung des derzeit mythologisch und kommerziell-körperkultisch vereinnahmten dunklen Kontinents der Leiblichkeit.“
Die Deformierung und Entdinglichung der Körper geschieht somit ohne technologischen Eingriff, ihr „Morphing“ vom idealen Bild des Schönen
(das sich bisweilen noch stellenweise erkennen lässt) in eine Ästhetik der Selbstentfremdung bis hin zur Auflösung vollzieht sich gleichsam
wie von selbst zwischen oder innerhalb „transparenter“, also nicht sichtbarer Medien (Glas, Wasser, Licht).
In Arbeiten wie Zungen brennen … ist vom ursprünglichen Körperbild so gut wie nichts mehr wahrzunehmen,
es ist transformiert in eine andere Bild-Sprache, die andere und neue Deutungen, Sichtweisen und Interpretationen ermöglicht.
Pajtasev bezeichnet seine künstlerische Arbeit als „analytische Poesie im Bild-Text“. Als „Poesie“ kommt zur Sprache,
was zwischen den Zeilen der äußeren Wahrnehmung liegt, um als „Bild-Text“ formuliert, visualisiert und publiziert zu werden.
Im philosophischen Sinn von „Autopsie“ öffnet sich da heraus ein Weg zum „eigenen Sehen und Wahrnehmen“,
oder, wie Tiho Pajtasev sagt: „Wir sind weder Aktivisten noch radikale Kritiker, wir sind weder off noch in space,
bloß handwerkliche Präzisionsdenker. Ein hohes Niveau der analytisch-kritischen Poesie in Bild und Text kann das Werkzeug,
die Argumentation und die Sinnhaftigkeit des Wortes ‚Parallelwelten‘ sowie die Schubladisierung der politisch und mental angepassten Sichtweisen verändern.
Die nächste Frage ist: Wie rufe ich im künstlerischen Kontext den vergrabenen, teilweise durch radikale Ideologien entfremdeten inneren Betrachter wach?
Durch abgewogene Dosierung von Schönheit und geistigen Laserstrahlen! Ungebrochener Schalk der höflichen Präzision! And that's what I try to do.”
(Tihomir Pajtasev)


